Wachstum durch Krise? Wir können lernen! Teil 1

Corona aus dem Blickwinkel der Positiven Psychologie– 1. Teil: Allgemeine Überlegungen

Hannover, Stand 21.03.2020

Seit dem Ausbruch der Coronakrise stelle ich mir die Frage, wie sich die aktuelle Situation aus Sicht der Positiven Psychologie betrachten ließe. Einige Antworten möchte ich hier vorschlagen, sowohl für den Einzelnen als auch aus gesellschaftlicher Perspektive:

1. Dankbarkeit
Wenn das Klopapier knapp wird, stelle ich fest, dass all die Dinge, die mir mein ganzes Leben lang selbstverständlich erscheinen, nicht selbstverständlich sind. Theoretisch weiß ich das ja. Nun wird es aber auch einmal ganz praktisch. Schließlich geht es nicht nur um Klopapier. Die Gesundheit meiner Familie, die Bewegungsfreiheit, die Möglichkeit, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, persönliche Kontakte mit anderen, das Gefühl von Sicherheit… Neben der Verwunderung, dass das tatsächlich passiert und der Unsicherheit, was nun auf uns zukommt gibt es eben auch das Gefühl der Dankbarkeit. Dankbarkeit für all das, was funktioniert und was da ist: Unsere Gesundheit, unsere Wohnung, Wasser, Strom, Versorgung mit Nahrungsmitteln und anderen Gütern, Telefonate und Emails mit großartigen Menschen, die Hilfsbereitschaft untereinander… Für mich bekommen die Dinge vermehrt den Wert zurück, der ihnen zusteht.

2. Werte
Hieraus resultiert die Frage, was im Leben eigentlich wirklich wichtig ist – neben dem Thema Dankbarkeit ein weiterer wichtiger Aspekt der Positiven Psychologie. Der Alltag, wie ich ihn kannte, ist unterbrochen. Eine noch nicht dagewesene Situation verhindert meine Routinen. Das erfordert eine zumindest temporäre Neuausrichtung und stellt gleichzeitig eine wertvolle Chance dar. Was ist mir wirklich wichtig? Wie will ich wirklich leben? Was brauche ich wirklich? Worauf kann ich verzichten? Was trägt mich?

Das sind zentrale Fragen für jeden Einzelnen. Die Positive Psychologie weiß: Wer Antworten darauf findet, was ihm wirklich wichtig ist und wer sein Leben daran ausrichtet, hat gute Chancen, ein erfülltes Leben zu führen.

Und auch aus Sicht der gesamten Menschheit ist dieser Prozess eine unerwartete Chance. In diesen Tagen verzichten wir auf Vieles, weil wir daran glauben, dass dieser Verzicht jetzt wichtig, richtig und notwendig ist. Letztendlich geht es um das Überleben vieler Menschen. Keine Urlaubsreisen, eingeschränkter Konsum … Zwar ist dieser Zustand erst einmal zeitlich begrenzt, wir lernen jedoch, dass uns persönlich dieser Verzicht möglich ist, wenn es um das Überleben geht. Diese Erfahrung ist übertragbar und anwendbar auf das Menschheitsproblem Klimawandel. In einem viel größeren Ausmaß geht es hier um das Überleben von Menschen. Zu erkennen, was ich persönlich wirklich brauche und worauf ich zur Not verzichten kann, verschafft uns neue Perspektiven, Spielräume und Handlungsmöglichkeiten. Konsumkritische Szenarien, wie wir leben wollen, rücken näher.

3. Lernen und Wachstum
Die Unterbrechung des Bekannten bietet die Chance, Neues zu lernen, umzusteuern, den Trott zu verlassen und das Leben neu auszurichten. Auch nach Corona. Wachstum durch Krise ist hier das Stichwort und ein weiteres Thema der Positiven Psychologie. Hier geht es darum, aus Krisen zu lernen und gestärkt aus ihnen hervor zu gehen.

Für die Gesellschaft ist folgendes denkbar: Wir erleben eine Welle der Hilfsbereitschaft in den Nachbarschaften und Quartieren. Die Hilfsangebote für Menschen die von Quarantäne betroffen sind oder zu Risikogruppen gehören (z. B. Einkäufe erledigen, Hund ausführen) übersteigen heute die Hilfegesuche um ein Vielfaches. Balkonkonzerte, kostenlose Veranstaltungen über die sozialen Medien, Anerkennung von Krankenhauspersonal und Einzelhandelsmitarbeiter*innen durch verabredetes Klatschen aus den Fenstern, Angebote kostenloser Yogasitzungen oder kreativer Beschäftigungsvorschläge für Kinder…; viele Menschen werden aktiv und helfen, wo sie können. Deutlich wird wie auch in anderen Krisen: Wenn es eng wird reagieren sehr viele Menschen mit dem Bedürfnis und der Bereitschaft zu helfen. Für die Gesellschaft ist dies eine ganz wertvolle Erfahrung: Wir können uns aufeinander verlassen, wir halten zusammen und unterstützen uns gegenseitig. Neben Hamsterkäufen und Streit um die letzte Klopapierpackung ist diese Erzählung eben auch Teil der Realität. Und zwar der Teil, auf den wir uns stützen können, aus dem heraus Wachstum möglich wird. Zusammengefasst heißt das: Die Krise bringt viel Gutes hervor. Dies zu sehen, sich dem zu vergewissern bewirkt eine Stärkung der Gemeinschaft, der Gesellschaft.

Auch für jeden Einzelnen stellt die Unterstützung seiner Mitmenschen ein wertvolles Erfahrungsfeld dar. Die Positive Psychologie weiß, wie wichtig Hilfsbereitschaft für das eigene Wohlbefinden und die psychische Gesundheit ist. Viele erleben dies nun ganz praktisch.

Der Bereich Hilfsbereitschaft ist jedoch nur ein Beispiel, wie Wachstum durch die Krise angestoßen werden kann. Mich leitet weiter die Frage: Was kann ich durch diese Situation lernen? Wir wissen, dass das Lernpotential in Krisen und auch beim Verlassen der eigenen Komfortzone besonders hoch ist. Corona ist eine Katastrophe für die Menschen. Das soll hier nicht in Abrede gestellt werden. Wenn wir uns jedoch in dieser Krise befinden, wäre dann nicht ein konstruktiver Umgang am sinnvollsten? Ich persönlich will diese Chance nutzen, neben allen Ängsten, Verunsicherungen, Schwierigkeiten. Ich denke, das ist eine Antwort der Positiven Psychologie auf Corona: Die Situation sehen und annehmen, handlungsfähig bleiben, sinnvoll steuern und daran wachsen soweit es eben geht.

Ich freue mich über deine konstruktiven Meinungen, Kommentare, Ergänzungen, Ideen zu dem Thema! Schreib mir an glueckssaat@gmx.de

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